Theaterkritik: Die Ereignisse

Die Ereignisse

Aus schulischen Gründen war ich in der ersten Ferienwoche im Theater.
Zu dem Stück „Die Ereignisse“ sollte ich eine Theaterkritik schreiben,
wieso diese also nicht auch gleich auf meinen Blog stellen?
Dann bekomme ich vielleicht sogar Verbesserungstipps! 😀


Am 17.10.2015 wurde unter der Regie von Lilli-Hannah Hoepner im hessischen Landestheater Marburg das Theaterstück „Die Ereignisse“ vom schottischen Autor David Greig aufgeführt. Das Stück basiert auf dem Anschlag von Anders Breivik in Norwegen im Jahre 2011 bei dem 78 Menschen verstorben sind, bezieht sich jedoch auch auf andere Attentate und Amokläufe. Es ist in Prosaform gestaltet, was bedeutet, dass weder in Reimen noch in rhythmischer Sprache gesprochen wird, sondern in ungebundener und direkter Rede. Nach dem Vorschlag des Autors wird das Stück von verschiedenen Chören aus der Umgebung begleitet und auch die gesungenen Lieder, sind, bis auf das Kirchenlied „Großer Gott wir loben dich“, den jeweiligen Regisseuren überlassen.
Das Stück beginnt mit einem Lied des Chores, ehe die Chormitglieder, die anfangs in der hinteren Ebene der Bühne stehen, sich in einem Kreis rund um eine drehbare Plattform niederlassen, auf die sich später die Chorleiterin Claire (Insa Jebens) stellt. Die Bühne ist dadurch, dass man von 3 verschiedenen Seiten auf diese Plattform blicken kann zentral gehalten und man fühlt sich so näher am Geschehen, als sei man selbst ein Teil des Chores, der um Claire herumsitzt.
Der hintere Teil der Bühne ist eine Art Ausbuchtung, mit nur einer offenen Seite, weshalb zu diesem eine gewisse Distanz erzeugt wird. In dieser hält sich der zweite Darsteller des Stücks auf, Roman Pertl, der verschiedene Rollen spielt, in dem Moment, indem er sich jedoch in diesem Teil aufhält, den Täter des Anschlags, der auf Claires multikulturell gemischten Chor verübt worden ist. Dieser Teil ist das ganze Stück über fast ausschließlich für diesen Täter  reserviert und ist, wenn der Täter sich dort nicht aufhält, auch nicht beleuchtet.
Immer wieder wechselt der Schauspieler zwischen der Rolle des Täters, Claires Freund und ihrem Psychiater. Zwischenzeitlich schlüpft er auch in die Rolle des Vaters des Täters, eines Autors, dessen Artikel dem Täter ein Vorbild gewesen ist, und in die eines rechten Politikers. Dass die Rollen alle von ein und derselben Person gespielt werden, verdeutlicht, dass der Täter jede hätte sein können, wenn die Umstände nur etwas anders wären, denn es sind alles einfache Menschen und niemand weiß, was in dem Kopf eines anderen vorgeht.
Claire setzt sich im Laufe des Theaterstücks mit dem Geschehen auseinander und ist vernarrt darin, herauszufinden, was die Beweggründe des Täters gewesen sind. Hat es an einem furchtbaren Leben gelegen, hat er einen Grund gehabt oder gibt es einfach wirklich das ‚Böse‘ in manchen Menschen und das war es, was ihn getrieben hat? Dafür liest sie sich unter anderem die Briefe des Täters durch, die dieser verfasst hat und versucht sich in diesen hineinzuversetzen, während er etwas von Stammeskriegern und die Welt reinigenden Flammen schreibt. Dabei gerät sie immer weiter in einen Strudel von Verzweiflung und Wahnsinn, da sie keinen anderen Sinn mehr in ihrem Leben sieht, als eine Antwort auf das ‚Warum‘ zu finden. Sie hofft dadurch mit ‚den Ereignissen‘, wie sie selbst den Attentat nennt, abschließen zu können. Dabei merkt sie gar nicht, wie sie nach und nach den Boden unter den Füßen und die Standfestigkeit verliert, was bildlich durch drehen der Scheibe, auf der sie steht, dargestellt wird. Sie übersieht, wie  die Menschen, die ihr wichtig sind, ihr Freund und ihr Chor, sich beginnen von ihr abzuwenden. Auch die Tatsache, dass sie PTBS (Posttraumatisches Belastungssyndrom) hat, sorgt dafür, dass sie alles immer wieder und wieder erlebt. Dieses wird dadurch dargestellt, dass uns als Zuschauern dieser Attentat in einer Schleife wiederholt gezeigt wird, wobei wir parallel die Gedanken von Claire und dem Täter vermittelt bekommen, in dem sie von der jeweiligen Person laut ausgesprochen werden. Am Ende wirkt es so, als würden sie die Gedanken dem jeweils anderen sagen, da sie nicht mehr, wie am Anfang, Rücken an Rücken, sondern sich gegenüber stehen. Das sollte wahrscheinlich Claires Wunsch ausdrücken, zu wissen, was der Täter gedacht und was ihn bewegt hat.
Als letzten Ausweg damit abzuschließen sieht sie nur noch, ihn umzubringen. Sie erzählt allen eine Lüge, tut so, als hätte sie dem Täter verziehen. Sie lässt sich in das Gefängnis, in dem er sitzt, einladen, um ihm dann in sein Getränk ein Pulver aus tödlichen Pilzen unterzumischen. Dabei fragt sie ihn auch persönlich nach dem „Warum“, doch der Täter wirkt, als wären die ganzen Ereignisse für ihn lediglich ein Traum gewesen, aus dem er erwacht ist. Seine Mimik und Gestik sowie die Art, wie er sich ausdrückt, zeigt, dass er sich an vieles nicht mal erinnert und somit auch keine Reue zeigt, als wäre es ihm egal, weil er nicht das Gefühl hat, dass das alles wirklich passiert ist.
Auf Claires Frage, warum er den Attentat begangen habe, antwortet er, er habe einst beobachtet, wie ein Araber ein Mädchen aus seinem Auto gestoßen und sie dort liegen gelassen habe und er habe den Gedanken gehabt, er bräuchte unbedingt eine Waffe um dieses Mädchen vor solchen wie dem Araber zu beschützen und deshalb hat er sich eine besorgt. Am Ende entscheidet sie sich dann dagegen ihn zu vergiften, womöglich, weil ihr seine Worte gezeigt haben, dass er eben nicht einfach durchgehend böse war, sondern irrgeleitet, vielleicht auch, weil sie nicht selbst böse werden wollte und das Gute in sich bewahren wollte, welches sie dazu gebracht hat während des Attentats, als der Täter fragte „Ich habe nur noch eine Kugel. Wen von euch beiden soll ich erschießen?“, „Ich“ zu antworten.
Das Stück endet mit dem Lied „Großer Gott wir loben dich“, welches sie bis dahin nach dem Attentat nicht mehr singen wollte, da sie es mit diesem verbunden hat, da es gesungen wurde, als der Täter angegriffen hat. Allgemein wird das ganze Stück immer wieder von passenden Liedern oder einfach nur melodischen Rhythmen des Chors begleitet, was eine gewisse Tiefe verleiht, da die Lieder die Handlung wie in einem Film unterstützten und die Stimmung sehr positiv unterstützen, weshalb man deutlich besser von der Handlung gefesselt wird.
Mir persönlich hat gefallen, wie gut Claires Zerrissenheit dargestellt worden ist. Es ist etwas, was jeder in abgemilderter Form von sich selbst kennt, wenn er die Handlung einer Person nicht nachvollziehen kann, jedoch das Gefühl hat, es zu müssen um Ruhe zu finden. Wieso tötet jemand Tiere, wieso quälen manche Leute andere und wenn wir uns bewusst und intensiv mit solchen Fragen beschäftigen, kommen wir, genau wie Claire niemals zu einer genauen und direkten Antwort. Wir geraten in eine Zwickmühle und die Situation wird immer verfahrener, denn eine einzige Antwort gibt es nicht und das wird auch bei diesem Theaterstück klar, denn Antworten hat man am Ende nicht wirklich bekommen, eher noch mehr Fragen.

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