Die Bücherdiebin – Markus Zusak

DSC_0004.JPG„Worte. Warum musste es sie geben?
Ohne sie wäre der Führer ein Niemand.
Es würde keine humpelnden Gefangenen geben,
keinen Grund für Trost oder weltliche Raffinessen,
auf dass es uns wieder besser gehe.
Wozu waren die Worte gut?“


Inhalt:

Die Nazis regieren das Deutsche Reich. Der Tod ist allgegenwärtig und er ist es auch, der diese Geschichte erzählt. Die Geschichte eines kleinen neunjährigen deutschen Mädchens namens Liesel Meminger. Die Tochter eines Kommunisten wird zusammen mit ihrem Bruder von einer Familie aus Molching – ein kleines Städtchen in Bayern – adoptiert. Doch der an Asthma leidende Junge überlebt die Zugfahrt nicht und Liesel sieht ihren Bruder vor ihren Augen sterben. Das ist das erste Mal, dass der Tod Liesel begegnet, doch noch lange nicht das letzte Mal. Es ist auch das erste Mal, dass sie sich ein fremdes Buch aneignet und somit der Beginn ihrer „Karriere“ als „die Bücherdiebin“.
In Molching muss sie sich an so viel Neues gewöhnen. Ihre Adoptiveltern, die Schule, die sie zum ersten Mal besucht, die anderen Kinder. Doch das freche, lebhafte und kluge Mädchen schließt sie immer mehr ins Herz und erobert ihre Herzen dabei gleichermaßen. Selbst der Tod ist so fasziniert von ihr, der es als wichtig erachtet, dass auch andere von ihrer Geschichte erfahren. Die Geschichte eines kleinen Mädchens mit einer großen Geschichte und einem noch größeren Herzen…

Meine Meinung:

Das Cover:
Von „Die Bücherdiebin“ gibt es mehrere Coverversionen. Die Version, die ich habe, ist die wohl schlichteste und doch mag ich sie mehr als die Version zum Film, weil diese Schlichtheit doch viel aussagt. Im Zentrum ist der Tod zu sehen, wie er mit einem Mädchen tanzt, das mit großer Wahrscheinlichkeit Liesel darstellt. Und dass ist meiner Meinung nach eine sehr gute und inhaltlich passende Bildwahl. Liesel immer wiederkehrender Kontakt mit dem Tod wird darin deutlich und die Nähe des Tods als personifiziertes Wesen zu Liesel, die ihn so fasziniert ebenso. Außerdem erinnert die schlichte Farbe des Covers an altes Papier, was ich ebenfalls sehr passend finde.

Schreibstil:
Der Schreibstil ist ebenso unglaublich gut wie ungewöhnlich. Wie bereits erwähnt wird Liesel Geschichte vom Tod erzählt, der als allwissender Erzähler fungiert, gleichzeitig jedoch nicht mit vollkommener Distanz auf die Geschichte hinabblickt sondern als Ich-Erzähler auch immer wieder eigene Gedanken, Gefühle, Ansichten und Anmerkungen einstreut.
Als einfach kann man den Schreibstil also nicht bezeichnen, doch das ist völlig positiv gemeint. Markus Zusak hat es geschafft, so zu schreiben, dass man wirklich überzeugt davon ist, dass ein weises und allwissendes Wesen – der Tod – einem das Geschehen erzählt. Der Schreibstil ist sehr poetisch und detailreich. Oft habe ich Sätze mehr als einmal gelesen, nicht weil ich sie nicht verstanden habe, sondern weil ich den Inhalt nochmal auf mich habe wirken lassen wollen, was vor allem bei emotionalen Szenen der Fall war. Empfindungen, Handlungen und einfach alles wurde einfach super vermittelt und man hat nicht nur mit Liesel mitgefühlt sondern auch mit dem Tod.
Ebenso gelungen finde ich, wie der Autor es geschafft hat, die Gedankenwelt eines kleinen Mädchens spannend und doch realistisch darzustellen. Oft werden Kinder oder Teenager von Autoren sehr extrem dargestellt, was ich schade finde.

Story:
Die Geschichte ist spannend auf eine Art, die nicht nur der einfachen Unterhaltung dient. Nicht „Oh Gott, passiert als nächstes“ – spannend wie ein Actionfilm oder ein Fantasyroman, denn worauf das Buch hinausläuft, was passiert, wer stirbt und wer lebt ist bei den meisten Dingen schon klar, bevor sie im Handlungsstrang der Geschichte geschehen. Die Spannung wird aufgebaut durch den Schreibstil und die über diesen vermittelten Gefühle sowie durch die Frage wieso passiert, was passiert.
Es ist – wie man sich denken kann – eine Geschichte, die sehr viel Ernsthaftigkeit in sich trägt und doch schafft es der Autor, dass man sich von dieser nicht zu erdrückt fühlt und doch noch wunderschöne, aus allem schlechten und der Realität entfliehenden Momente entstehen. Dass die Protagonistin ein sehr junges und mit der Geschichte heranwachsendes Mädchen ist, spielt dabei sicherlich eine große Rolle, denn alles was passiert wird so aus der Sicht eines Kindes gezeigt, das die Welt noch ganz anders sieht. Es ist ein immerwährender Kontrast zwischen ihrer Sicht auf die Dinge und der des Todes, wenn Abschnitte kommen, bei denen er mehr über seine Ansichten und Gedanken durchblicken lässt.
Was mir so gut gefallen hat war, dass so viele Themen aufgegriffen werden und es trotzdem nicht so wirkt, als wären es zu viele, da auf alle genügend eingegangen wird und alle genug vertieft werden. Der Nationalsozialismus und seine Folgen nicht nur für Juden sondern auch für die deutsche Bevölkerung, die – und das finde ich sehr wichtig – hier nicht nur als Sündenbock betrachtet wird sondern auch als Opfer des Systems. Wie das Leben in einem vom Krieg ausgezehrten Land ist. Die Macht von Büchern und vor allem von Wörtern. Verlust, Erwachsenwerden, Familie, die auch über das Blut hinausgeht.
Um in die Geschichte reinzukommen braucht es auf jeden Fall Konzentration. Es ist nichts, was man mal so nebenbei liest, weshalb es sich bei mir auch so gezogen hat, denn ich wollte all die Eindrücke, die mir das Buch vermittelt hat, zu genüge aufnehmen können.

Charaktere:
Auf alle Charaktere, die ich als wichtig erachte, werde ich hier wohl nicht eingehen können, denn das wäre zu lang. Der Autor hat nämlich selbst Nebencharakteren eine solche Tiefe und Wichtigkeit verliehen, dass ich sie eigentlich nicht mal als „Nebencharaktere“ bezeichnen kann, weil sie zu viel Präsens und Einfluss haben, der Tod an einigen Stellen der Handlung sogar die Sichtweise und den Fokus auf sie legt, da dieser nicht nur bei ihm und Liesel bleibt. Deshalb beschränke ich mich auf Liesel und den Tod.
Liesel ist am Anfang der Geschichte 9 Jahre alt. Sie wächst und reift im Laufe des über mehrere Jahre spielenden Romans. Sie ist nicht nur sehr vielschichtig und damit ein sehr interessanter Charakter sondern macht dadurch auch eine Wandlung durch, die wir mitverfolgen können. Anfangs ist sie verunsichert, ängstlich und alles ist ihr vollkommen fremd. Sie hat nicht nur ihren Bruder sondern auch ihre Eltern verloren und muss bei Fremden wohnen. Und doch merkt man bereits da, dass mehr in ihr steckt, dass da noch was ist. Das wird immer klarer, je wohler sie sich in Molching fühlt und je älter sie wird. Sie ist die einzige in ihrem alter die nicht schreiben und lesen kann, doch das hindert sie nicht daran, es unter größtem Bemühen allabendlich zuhause zu üben. Sie gibt nie auf und hat bereits in jungen Jahren einen starken, selbstbewussten Charakter, der sich immer deutlicher abzeichnet. Sie ist mir sehr sympathisch, da sie immer sie selbst bleibt und selbst bei all dem Leid, dass sie erfährt, noch die guten Dinge im Leben und die Fröhlichkeit wahrnimmt. Sie ist ein Charakter, den man ins Herz schließt.
Die Personifizierung de Tods ist etwas besonders faszinierendes an diesem Buch, was mich besonders neugierig darauf gemacht hat und ich wurde nicht enttäuscht. Der Tod ist kein Charakter, den man einfach so durchblicken kann. Alles andere wäre auch falsch, denn der Tod ist nun mal ein Mysterium. Er ist allwissend, hat schon viele, viele Jahrtausende auf dem Buckel und während diesen viel gesehen. Das merkt man ihm an, denn ihn umgibt eine besondere Melancholie und „Schwere“. Ich mag es, wie der Tod hier dargestellt wird. Nicht als etwas Böses oder Schlechtes, wie es das Klischee des fürchterlichen Sensenmannes ist sondern als jemand, der schon viel Leid gesehen hat und trotz diesem noch versucht, das Schöne in der Welt zu sehen. Jemand der auch ein Herz und Gefühle hat, an dem es – auch wenn er sich anstrengt – nicht spurlos vorbei geht, wenn er Unschuldige mitnehmen muss. Und doch erledigt er, was er muss, denn die Seelen gehören nicht in ihre Toten Körper oder in der Welt herumirrend. Meiner Meinung ist Markus Zusak der Charakter des Tods sehr gut gelungen und er ist mir sehr sympathisch gewesen.

Fazit:
Dieses Buch ist eindeutig etwas Besonderes. Nicht nur durch die Erzählform sondern auch durch den poetischen Schreibstil, der Thematik und dem Inhalt, der einen durch Emotionen und Faszination fesselt. Deshalb gibt es von mir auch 5 von 5 Sternen, da es sonst fast perfekt war und mich sehr beeindruckt hat. Ich kann es nur empfehlen. Wundert euch jedoch nicht, wenn die Geschichte dann noch einige Tage in euren Köpfen rumspukt.

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5 /5
586 Seiten
ISBN: 978-3-442-37395-6
Verlag: Blanvalet /(bei anderem Cover) CBJ

Gebundene Aussage (anderes Cover): 19,95€
Broschiert: 10,99€
E-Book (anderes Cover): 8,99€

 

2 Gedanken zu “Die Bücherdiebin – Markus Zusak

  1. Ich war auch total begeistert von dem Buch!
    Der Nationalsozialismus ist eigentlich nicht gerade eines meiner Lieblingsthemen in Büchern oder auch in der Schule gewesen, weswegen ich gezögert hatte das Buch zu lesen, aber dieser wundervolle Titel und die Aussicht aus der Sicht des Todes lesen zu können haben mich überzeugt – und ich bin so froh darüber. Und ein positiver Nebeneffekt: das Buch war im Grunde meine gesamte Vorbereitung auf eine Klausur zum Nationalsozialismus in der Oberstufe und das hat wunderbar funktioniert.
    Sehr sehr schöne Rezension!

    Liebe Grüße
    Maike

    Gefällt 1 Person

    • Vielen Dank, ich freue mich, dass sie dir gefällt!
      Ich finde den Nationalsozialismus eigentlich spannend, Bücher dazu lese ich jedoch eher ungern, da das Thema auch so schon überall so präsent ist und meist auch noch sehr deprimierend, kann dich da also gut verstehen.
      Dass es dir für eine Klausur geholfen hat ist ja echt super! 😀 Da sieht man wieder Mal, wie Lesen bildet.
      LG Iri ^^

      Gefällt 1 Person

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